Die Schweiz ist weit mehr als nur ein Alpenland
Unternehmer sind für die Steuerbehörden Kunden
Patrick Vergult gründete 1999 die curaVer AG, ein in der Schweiz ansässiges Beratungsunternehmen, das ausländische Unternehmen beim Markteintritt und der Unternehmensgründung in der Schweiz begleitet.
„Von 1991 an führte ich mein eigenes Softwareunternehmen in Belgien. Als ich in den 1990er-Jahren mehrere Projekte in der Schweiz betreute, entwickelte sich eine immer stärkere Verbindung zu diesem Land. Nach einem – letztlich erfolgreich abgeschlossenen – Steuerstreit mit den belgischen Behörden entschied ich mich, dauerhaft in die Schweiz auszuwandern. Aus diesen Erfahrungen entstand curaVer. Heute sind wir auf die Begleitung ausländischer Unternehmen spezialisiert, die in der Schweiz tätig werden möchten.“
Welchen wichtigen Rat gibt dieser Kenner ausländischen KMU mit auf den Weg?
„Zunächst sollte klar definiert werden, welches Ziel verfolgt wird. Es macht einen grossen Unterschied, ob Sie den Schweizer Markt erschliessen möchten, um Produkte oder Dienstleistungen anzubieten, oder ob Sie den Sitz Ihres Unternehmens in die Schweiz verlegen wollen.
Im ersten Fall sollten die kulturellen Unterschiede keinesfalls unterschätzt werden. Schweizerinnen und Schweizer kommunizieren eher indirekt und zurückhaltend. Kritik wird selten offen ausgesprochen. Viele belgische oder niederländische Unternehmer vergleichen die Schweiz mit Deutschland – zu Unrecht. Das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen lässt sich durchaus mit jenem zwischen Belgiern und Niederländern vergleichen.
Ein grosser Vorteil des Schweizer Marktes ist die ausgezeichnete Zahlungsmoral. Rechnungen werden in der Regel pünktlich bezahlt. Während meiner gesamten beruflichen Tätigkeit hatte ich damit kaum je Probleme.
Wer hingegen über eine Verlagerung seines Unternehmens nachdenkt, profitiert von einem ausgesprochen attraktiven Wirtschaftsstandort. Dabei geht es nicht nur um die Steuerbelastung. Besonders hervorzuheben ist auch die Zusammenarbeit mit Behörden. Die Steuerverwaltung betrachtet Unternehmen tatsächlich als Kunden – und handelt auch entsprechend.”
Die Schweiz bietet hervorragende Rahmenbedingungen für Unternehmen
Richtet sich Ihr Blick als Unternehmer auf die Schweiz, werden Sie schnell feststellen, dass das Land zahlreiche Chancen bietet. Insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen ist die Schweiz ein attraktiver Wirtschaftsstandort. Gleichzeitig verfügt sie über eigene gesetzliche, wirtschaftliche und kulturelle Besonderheiten, die berücksichtigt werden sollten. Im Folgenden finden Sie einige wichtige Aspekte, die belgische und niederländische Unternehmen vor einem Markteintritt in die Schweiz kennen sollten.
Die Schweiz und wirtschaftliche Krisen
Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern hat sich die Schweizer Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten als aussergewöhnlich widerstandsfähig erwiesen. Selbst während der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrisen kam es lediglich zu einer Abschwächung des Wachstums. Da die Europäische Union und die USA zu den wichtigsten Handelspartnern der Schweiz gehören, reagiert die Schweizer Regierung frühzeitig mit geeigneten Massnahmen, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen zu sichern. So führte die Schweizerische Nationalbank im Jahr 2011 beispielsweise einen Mindestwechselkurs zwischen Euro und Schweizer Franken ein, um die Exportwirtschaft vor einer übermässigen Aufwertung des Frankens zu schützen. Gleichzeitig wurden Instrumente wie die Kurzarbeit eingeführt beziehungsweise ausgeweitet, wodurch Unternehmen flexibler auf wirtschaftliche Schwankungen reagieren konnten. Ergänzend dazu wurden verschiedene Massnahmen zur Stärkung der Binnenwirtschaft umgesetzt. Auch heute profitiert die Schweiz von einer vergleichsweise tiefen Inflation. Dazu tragen unter anderem die starke Landeswährung sowie eine nachhaltige Energieversorgung bei. Rund 60 % des Stroms stammen aus Wasserkraft, während Kernkraftwerke einen bedeutenden Teil der restlichen Stromproduktion übernehmen. Dadurch ist die Schweiz deutlich weniger abhängig von steigenden Öl- und Gaspreisen als viele andere Länder.
Föderalismus und kantonale Unterschiede
Die Schweiz besteht aus 26 Kantonen und vier Sprachregionen. Die Kantone verfügen über weitreichende Autonomie und besitzen teilweise eigene steuerliche Regelungen sowie kantonale Gesetze. Für ausländische Unternehmen ergeben sich daraus jedoch keine grundlegenden Hindernisse. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind im gesamten Land vergleichbar. Die Deutschschweiz bildet das wirtschaftliche Zentrum des Landes. Basel ist international für seine Pharma- und Chemieindustrie bekannt, Zürich gilt als bedeutender Finanzplatz mit zahlreichen Banken und Versicherungen und verfügt gleichzeitig über einen starken Maschinen- und Präzisionsindustriesektor. Die Westschweiz mit Genf beherbergt unter anderem den europäischen Hauptsitz der Vereinten Nationen und ist das zweitwichtigste Finanzzentrum der Schweiz. Rund um Zürich und Lausanne haben sich zudem zahlreiche Hightech-Unternehmen und Innovationscluster angesiedelt. Im italienischsprachigen Tessin ist Lugano ein bedeutender Finanzstandort.
Die Schweiz ist kein Mitglied der Europäischen Union
Die Schweiz sollte nicht als Erweiterung Deutschlands oder Frankreichs betrachtet werden. Obwohl zahlreiche bilaterale Abkommen mit der Europäischen Union bestehen, gehört die Schweiz weder zur Europäischen Union noch zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Unternehmen müssen daher Zollbestimmungen und Importvorschriften berücksichtigen. Insbesondere im Lebensmittelbereich gelten strenge Einfuhrbestimmungen. Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass die Schweiz kein einheitlicher Markt ist. Geschäftsbeziehungen in der Deutschschweiz unterscheiden sich häufig von jenen in der Romandie oder im Tessin.
Kulturelle Unterschiede
Viele Schweizer Unternehmen verfügen über eine offene Unternehmenskultur mit regelmässigem Austausch zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften. Dennoch werden Konflikte häufig indirekt angesprochen oder möglichst vermieden. Im Gegensatz zu Ländern wie den Niederlanden oder den USA wird Kritik oft diplomatisch formuliert. Das bekannte Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ beschreibt diese Mentalität treffend. Auch Arbeitskämpfe spielen in der Schweiz eine deutlich geringere Rolle als in vielen anderen Ländern. Streiks sind vergleichsweise selten.
Das Schweizer Geschäftsklima
Der Schweizer Arbeitsmarkt zeichnet sich durch eine hohe Flexibilität aus. Dank der traditionell niedrigen Arbeitslosigkeit profitieren sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer von dieser Situation. Für ausländische Unternehmen ist zudem wichtig zu wissen, dass lokale Netzwerke und eine gute Integration in den Schweizer Markt entscheidend für den langfristigen Erfolg sind. Schweizer Unternehmen und Konsumenten legen grossen Wert auf Qualität. Das Label „Swiss Made“ geniesst einen hervorragenden Ruf. Gleichzeitig besteht eine hohe Offenheit gegenüber innovativen Produkten und Dienstleistungen. Die Kaufkraft in der Schweiz gehört zu den höchsten weltweit. Deshalb steht für viele Kunden nicht der günstigste Preis, sondern ein überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis, höchste Qualität und exzellenter Service im Vordergrund.
Das sollten Sie tun
- Erscheinen Sie stets pünktlich und gut vorbereitet zu Geschäftsterminen.
- Sprechen Sie Ihre Gesprächspartner zunächst mit Titel und Nachnamen an.
- Stellen Sie Qualität, Kompetenz und den Mehrwert Ihres Angebots in den Mittelpunkt – nicht den Preis.
Das sollten Sie vermeiden
- Vermeiden Sie ein übertrieben selbstbewusstes oder theatralisches Auftreten.
- Stellen Sie keine unnötig persönlichen Fragen.
- Betrachten Sie die Schweiz nicht als einen einheitlichen Markt – berücksichtigen Sie die regionalen Unterschiede.


